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Thursday, 29 January 2026
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Sebastian Kurz: Allianz des illiberalen Rechts mit Tech?

Sebastian Kurz: Allianz des illiberalen Rechts mit Tech?
Ekhbary Editor
15 hours ago
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Österreich - Agentur Name

Kurz vor Mitternacht werden auf der Dachterrasse des David Kempinski in Tel Aviv Gin Tonics serviert. Tief unten glitzern die Lichter der Stadt. Eine sanfte Brise weht vom Mittelmeer herein. Sebastian Kurz genießt hier einen Drink mit Geschäftspartnern. Erst vier Tage zuvor hatte er Besprechungen in Abu Dhabi, dann in Prag, bevor er über Wien nach Israel reiste. In wenigen Stunden wird er einen Anschlussflug nach Berlin nehmen.

Seit seinem Wechsel ins Geschäftsleben im Jahr 2022 hat der ehemalige österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz nur wenig Zeit in seinem Heimatland verbracht. Mit nunmehr 39 Jahren ist er zweifacher Vater und – zumindest auf dem Papier – Multimillionär. Kurz, einst als Wunderkind der globalen Politik gefeiert und als Verbündeter von Hardlinern wie Donald Trump, Viktor Orbán und Benjamin Netanyahu bekannt, scheint nun eine neue Bühne gefunden zu haben.

Ein Mann im T-Shirt steht nicht weit von Kurz entfernt auf der Terrasse und erklärt auf seinem Smartphone, wie künstliche Intelligenz, Cyberspace und Quantencomputing zu den Werkzeugen zukünftiger „Supermächte“ werden. Er sieht die USA, China und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) an der Spitze dieses Rennens.

Der Israeli Shalev Hulio ist neben Kurz einer der Gründer des Cybersicherheitsunternehmens Dream. Das Unternehmen behauptet, Regierungen, Strom- und Wasserwerke, Banken und Telekommunikationsanbieter vor digitalen Angriffen zu schützen. Hulio war Mitbegründer von Dream im Januar 2023. Heute, weniger als drei Jahre später, wird das Unternehmen auf mindestens 1 Milliarde Euro geschätzt. Kurz selbst hält Anteile im Wert von rund 150 Millionen Euro.

Das Pegasus-Spyware, das Hulio einst mitentwickelte und verkaufte, brachte dem Israeli einst den Ruf des „Bad Boys“ der Branche ein. Länder weltweit nutzten Pegasus zur Überwachung von Dissidenten und Journalisten, was die USA zu Sanktionen gegen Hulios früheres Unternehmen NSO veranlasste. Man könnte sich fragen, ob Hulio, dessen Vorfahren Holocaust-Überlebende waren, primär daran interessiert war, seinen eigenen Ruf aufzupolieren, als er den ehemaligen österreichischen Kanzler an Bord holte.

„Ich würde sagen, es ist umgekehrt: Nicht er hat mich reingewaschen, sondern ich ihn“, sagt Hulio – eine Anspielung auf Kurz' zweifachen Rücktritt als Bundeskanzler und die laufenden Korruptionsermittlungen gegen ihn. „Pass auf, was du sagst“, erwidert Kurz mit einem Grinsen. Beide scheinen die Fähigkeit zu besitzen, Rückschläge mit Leichtigkeit wegzustecken: ein Team von zwei „Comeback Kids“.

Hulio ist überzeugt, dass Kurz der Politik nicht endgültig abgeschworen hat: „In Israel haben wir ein arabisches Sprichwort: ‚Die Finger des Flötenspielers zittern noch, wenn er stirbt‘.“ Doch ist es wirklich die Leidenschaft für das politische Leben, die Kurz antreibt? Oder ist der Österreicher, wie Kritiker behaupten, ein begnadeter Vermarkter – in erster Linie von sich selbst? Kurz tritt auf vielen Bühnen auf: beim Weltwirtschaftsforum in Davos, der Münchner Sicherheitskonferenz und dem World Governments Summit in Dubai. Er organisiert geheime Treffen von Ministern und Magnaten in Seefeld und trat in deutschen Talkshows sowie im Verlag Axel Springer auf.

Über die Software hinaus verkauft er inzwischen Dieseladditives für Fahrzeuge und Immobilien. In letzterem Geschäft arbeitet er mit dem ehemaligen Büroleiter des insolventen Immobilien-Tycoons René Benko zusammen. Am Rande der Salzburger Festspiele lud Kurz erneut prominente Gäste ins „Café Bazar“ ein – obwohl er vor vier Jahren seinen vollständigen Rückzug aus der Politik angekündigt hatte. Bis heute wird er von den Anti-Korruptionsbehörden in Wien untersucht.

Was ist das ultimative Ziel dieses hyperaktiven Konservativen? Eine Reise mit dem Ex-Kanzler und Gespräche mit seinen Vertrauten klären die Verwirrung kaum auf. Will jemand, der auf höchster Ebene Geschäfte tätigt, wirklich in die Politik zurückkehren? Oder nutzt er hochrangige Kontakte und den Rampenlicht vor allem, um neue, noch lukrativere Geschäfte zu vermitteln?

„Die Leute, mit denen ich jetzt zu tun habe – die kannte ich vorher nicht. Das ist eine andere Welt, geografisch und thematisch“, sagt Kurz im Gespräch im Clarion Hotel in Prag. „Es ist nicht so, dass mir die Politik keinen Spaß gemacht hat, aber nach 10 Jahren tut es gut, etwas anderes zu machen.“ Das klingt weder nach einem definitiven Ja noch nach einem entschiedenen Nein zu einem politischen Comeback. Es klingt nach Kurz 2025: einem entschlossenen Vielleicht.

Auf einem Kongress von Unternehmern, Bankern und Politikern in Prag beschreibt Kurz im Ton eines erfahrenen Weltreisenden, wie dramatisch Europa im internationalen Wettbewerb an Boden verliert. Er blickt aber auch auf die Flüchtlingskrise, auf Angela Merkel und seine eigene abweichende Haltung zur Migration zurück. „Zehn Jahre später kann man wohl sagen, ich hatte Recht“, behauptet er. Unkontrollierte Zuwanderung sei „eine schwere Belastung“ für das Sozialsystem, insbesondere langfristig – wegen unterschiedlicher Geburtenraten.

Im Privaten wird Kurz deutlicher, wenn er über politische Gegner im linken Spektrum spricht – die „Freunde der offenen Tür-Politik“. Auch die angeblich naiven „LGBTQ-Unterstützer für Palästina“ erwähnt er und sagt, er möchte ihnen eine Begegnung nicht wünschen.

DER SPIEGEL